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Kairouan

Als religiöses Zentrum ist die Stadt mit 300 Moscheen, Zaouias und Marabuts wichtiger Anziehungspunkt der Fremden wie der Tunesier und Tagesstation jeder Rundreise. Die malerische Medina ist vollständig von einer 3,5 km langen Wehrmauer aus braunen Lehmziegeln umschlossen, die 1052 erbaut und Anfang des 18. Jh. nach der Zerstörung durch die Türken in wesentlich geringerem Umfang neu aufgebaut worden war. Vor den Toren breitet sich die moderne Neustadt aus. Dort liegen - mit Ausnahme des Marhala - die Hotels.

Geschichte

Okba ibn Nafi dringt 670/71 mit seinen Kämpfern in den Maghreb vor, um den wahren Glauben weit über die Grenzen der arabischen Halbinsel zu verbreiten und errichtet an strategisch günstiger Stelle ein Feldlager auf der weiten Steppe, die damals aus Urwald mit wilden Tieren bestand. Der Legende nach soll er einen Speer in den Boden gerammt haben, aus dem daraufhin die Quelle Bir Barouta entsprang, die mit dem heiligen Brunnen Sem Sem in Mekka in Verbindung stehen soll. Dies erschien ihm als göttliches Zeichen, Kairouan bedeutet Lager und ist die älteste islamische Stadt in Afrika, 140 Jahre mehr als Fes und 300 mehr als Kairo.

Der Ausbau der kleinen Ansiedlung mit Moschee und der Aufstieg zum geistig-religiösen Zentrum erfolgte erst im 9. Jh. durch die Aghlabiden, deren Residenzen El Abbasiya und Reqqada in der Nähe lagen. Aus dieser Zeit sind die nach dieser Dynastie benannten riesigen Wasserbecken erhalten. Die nachfolgenden Fatimiden verlegten schon bald ihren Sitz nach Mahdia, doch Kairouan blieb religiöser Mittelpunkt, bis die Beni Hillal-Nomaden 1057 die Stadt in Trümmer legten. Die meisten Bewohner flohen ins marokkanische Fes und erweiterten die damals von andalusischen Flüchtlingen bewohnte Stadt um das Karaouine-Viertel. Von den Hafsiden wieder aufgebaut, erreichte Kairouan zwar nie mehr seine einstige Bedeutung, blieb jedoch religiöses Zentrum und ist nach Mekka, Medina und Jerusalem die vierte heilige Stadt des Islam. Bis zum Einmarsch der Franzosen im Jahr 1881 durfte kein Ungläubiger die Schwelle übertreten.

Heute hat Kairouan zusammen mit der Neustadt knapp 100.000 Einwohner. Neben der Landwirtschaft ist der Kairouan Tourismus ein wichtiger Wirtschaftszweig, täglich kommen einige tausend Besucher. Das ermöglicht zusammen mit den traditionellen Gewerben Seiden- und Deckenweberei, Lederherstellung sowie Teppichknüpferei einen bescheidenen Wohlstand. Vor den Toren ist eine Zigarettenfabrik, in einer modernen Textilfabrikation haben 110 junge Frauen Arbeit gefunden. Dennoch ist die Arbeitslosigkeit bei den jungen Leuten ein großes Problem, das dazu führt, dass Touristen sehr belästigt und zu einer Stadtführung überredet werden, die dann im Teppichladen endet.

1 Zaouia Sidi Abid El Ghariana

2 Bir Barouta

3 Moschee der drei Tore

4 Moschee des Bey

5 Handwerkerschule

6 Polizei

7 Magasin Générale

Besichtigung

Vor der Einfahrt in die Stadt zunächst zur Touristeninformation (Tel. 220452); nur hier ist das Sammelticket zur Besichtigung aller Sehenswürdigkeiten erhältlich. Das neue Gebäude liegt neben den Aghlabiden-Becken bzw. gegenüber dem Hotel Continental. Der Besucher muss zunächst ein Formular mit der schriftlichen Bitte um eine Besuchsgenehmigung ausfüllen und sich darin verpflichten, sich beim Besichtigen der religiösen Bauwerke angemessen zu kleiden und zu verhalten. Die Vermittlung eines offiziellen Führers ist möglich, das zeitweise aggressive illegale Führerunwesen hat sich durch eine strenge Polizeiaufsicht etwas gebessert. Aber auch die offizielle Tour wird mit Sicherheit in einem Teppichladen enden, mit etwas Zeit sind die Sehenswürdigkeiten gut allein zu finden. Einen Tag sollte man sich für einen Besuch Zeit nehmen.

Die Zufahrtsstraße führt direkt zu dem großen Parkplatz am Bab El Jeladin. Hinter dem Tor beginnt die Straße des 7. November mit unzähligen Souvenir- und Teppichläden, die quer durch die Medina zum Bab Tunis führt. Oft wirkt es wie im Karneval, wenn Busladungen voller Touristen mit Kaftan und Turban verkleidet durch die Straßen spazieren. Wie viel eindrucksvoller sind da doch die Berberfrauen in ihrer weiten, rotkarierten Melia und dem schweren Silberschmuck, die von weither aus den Dörfern zum Einkauf kommen. Besonders malerisch ist das Bild am Montag, dem Tag des Wochenmarktes.

Gleich in der ersten Nebenstraße rechts ist die Zaouia des Sidi Abid El Ghariana (1), ein wunderschönes Gebäude aus dem 14. Jh. mit herrlicher Holzdecke. Der Eintritt ist mit dem Sammelticket möglich. Viele Gelehrte und heilige Männer, die Marabuts, gründeten Zaouias, religiöse Sekten, und widmeten sich mit ihren Gefolgsleuten der Anbetung Gottes, oft verbunden mit dem Mittel der Ekstase. Kairouan hat zahlreiche solcher Heiligtümer. Gegenüber ist der prachtvolle, ehemalige Palast des Bey, in dem sich nun ein weiterer Teppichladen befindet.

Weiter auf der Hauptstraße kommt man vorbei an einigen Konditoreien, die Makroud, mit Dattelpaste gefüllte Plätzchen aus Grieß, anbieten, die vor allem während des Ramadan gerne gegessen werden. Dann gelangt man zum ehemals charakteristischen Café Halfaouine, in dem einmal eine spanische Schule untergebracht war und in dem ich nun zu meinem Entsetzen einen weiteren Teppichladen fand. Rechts davon führt eine kleine Straße zum legendären  Brunnen Bir Barouta (2), das braune Backsteinhaus ist von einer mächtigen Kuppel gekrönt. Gegen ein Trinkgeld kann man zusehen, wie im 1. Stock ein armes Kamel mit verbundenen Augen acht Stunden täglich im Kreis läuft, um das Wasser zu schöpfen, dem Heilkräfte zugeschrieben werden. Auf jeden Fall ist es sauber, schön kühl und schmeckt köstlich. Vor dem Brunnen rechts (Blick zum Gebäude) in die alte Wohnstraße einbiegen. Kurz danach rechts des Hauses geradeaus weiter, links durch einen Bogen, hinter dem Fotogeschäft rechts ab. In dieser Straße sieht man einen kuppelgekrönten Marabut, noch vorher rechts ist die Tleta Bibane oder Moschee der drei Tore (3), erbaut 866 als Stiftung eines in Kairouan unterrichtenden Gelehrten aus Cordoba. Besonders schön die steinernen Schriftbänder über den Türen, die einzig zugängliche Sehenswürdigkeit des alten Gotteshauses.

Links vom ehemaligen Café in der Rue 7 Novembre ist die alte Moschee des Bey (4). Rechts beginnen die gedeckten Souks mit einer Markthalle im Herzen, in den engen Gassen lädt das traditionelle Marhala-Hotel zu einem erfrischenden Tee ein. Das Ende der Straße bildet das Bab Tunis, wo vormittags die Bauern aus der Umgebung ihre Erzeugnisse anbieten. Doch lohnt es sich, ein wenig durch die ruhigen Gassen hinter dem Bir Siebmacher Barouta zu bummeln, immer wieder warten neue Überraschungen. Überall kann man in den etwa 300 Webereien durch die offenen Türen den Handwerkern bei der Arbeit zusehen und einen Plausch halten. Weben ist Männersache, Teppichknüpfen dagegen den Frauen und Mädchen vorbehalten. In einer ehemaligen Medersa (5) in der schmalen Gasse hinter dem Bir Barouta können junge Handwerker ihr Metier erlernen, sie freuen sich über einen Besuch. Beachtenswert sind die Hauseingänge, die mit besonderen Ornamenten geschmückt sind. Das weist darauf hin, dass ihr Besitzer eine Wallfahrt nach Mekka unternommen hat und sich nun Hadji nennen darf.

Etwas verwirrend ist der Weg durch labyrinthartige Gassen zur Großen Moschee des Stadtgründers. Autofahrer nehmen besser den eigenen Wagen und können dann gleich zu den übrigen Sehenswürdigkeiten, die außerhalb der Medina liegen, weiterfahren. Vom Bab El Jeladin entlang der Stadtmauer nach Nordosten kommt man zu einem kleinen Friedhof mit weißen Steinen. Diese Ruhestätte ist ganz den Mitgliedern des Sidi Aissa - Ordens vorbehalten. Sidi Aissa, Nachkomme der Idrissiden und damit des Propheten, begründete im 16. Jh. in Meknes/Marokko eine Sekte, die sich der Anbetung Gottes widmete. Sultan Moulay Ismail, neidisch auf die Abstammung von Mohammed und Gefahr für seine Stellung befürchtend, verbannte den Ordensführer. Der zog, gefolgt von seinen Anhängern, in die Wüste und kam schließlich nach Kairouan. Sidi Aissa bewahrte seine Jünger vor dem Hungertod, indem er sie Schlangen, Skorpione und allerlei Getier essen ließ, ohne dass sie zu Schaden kamen. Zum Andenken daran versenken sich die Mitglieder mit Gebeten und Tänzen derart in Gott, dass sie keinerlei Schmerzen fühlen, wenn sie Nägel, Glasscherben und Skorpione verschlucken.

Gleich hinter dem Friedhof liegt die mächtige Okba ibn Nafi - Moschee, das bedeutendste Bauwerk der Stadt, wie die Stadtmauer aus braunen Ziegelsteinen gemauert. Aus der Zeit Okbas stammt lediglich ein Teil der Gebetsnische, die monumentale Anlage wurde im 9. Jh. von den Aghlabiden errichtet und später häufig erneuert. Zum Bau wurde viel Material aus römischen Ruinenfeldern verwendet. Sie war nicht nur Gebetshaus, sondern auch berühmte Universität und Wohnheim der Studenten. Der Besucher darf - in angemessener Kleidung - nur den riesigen Innenhof betreten, von dort ist ein Blick in den imposanten Gebetssaal mit über 400 Marmorsäulen und gewaltigen Lüstern erlaubt. Kostbarstes Stück ist der Mimbar, eine geschnitzte Holztreppe mit einem Sessel, von dem aus das geistige Oberhaupt zu seinen Untertanen sprach. Er stammt aus Bagdad und ist der älteste erhaltene Gebetsstuhl der islamischen Welt. Auf einer Plattform im Hof ist ein Observatorium mit Sonnenuhr, mit dessen Hilfe die Gebetszeiten bestimmt wurden.

Zu den weiteren Sehenswürdigkeiten wieder zurück zum Friedhof, dort links weiter auf der Hauptstraße. An deren Ende neben der neuen Touristeninformation liegen die aghlabidischen Wassersammelbecken. Die größere der scheinbar kreisrunden Zisternen hat bei näherem Hinsehen 48 Ecken, einen Durchmesser von 128 Metern und konnte mit einem Fassungsvermögen von 62.000 Kubikmeter die Bewohner der auf einer trockenen Steppe liegenden Stadt mit Hilfe einer 36 km langen Wasserleitung versorgen. Das kleinere hat einen Durchmesser von 38 Metern und diente zur Klärung des Trinkwassers.

Weiter auf der Ringstraße folgt die Zaouia des Sidi Sahab oder Barbiermoschee. Sidi Sahab (Gefährte) war Freund und Kampfgenosse Mohammeds und trug ständig drei Barthaare des Propheten bei sich, war aber nicht sein Barbier. Er fiel im Eroberungskrieg und fand seine letzte Ruhestätte in dem vielleicht schönsten Bauwerk der Stadt. Es wurde erst im 17. Jh. um das Grabmal errichtet und enthält eine mit herrlichen Fayencen geschmückte Medersa und Wohnräume für die Studenten. Viele Gläubige kommen von weither, um hier ihre Söhne beschneiden zu lassen.

Auf dem Rückweg in die Stadt kann man noch die Säbelmoschee oder Zaouia Sidi Amor Abbada aus dem 19. Jh. besuchen, leicht erkennbar an ihren fünf gerippten Kuppeln. Als Anspielung auf den Beruf des Gründers, eines Schmieds, werden verschiedene Gegenstände aus seiner Werkstatt aufbewahrt, wie die beiden schweren Säbel, die der Moschee ihren Namen gaben.

Kairouan-Teppiche - Die Stadt ist vor allem für ihre Knüpfteppiche, Zarbia genannt, bekannt, die in alle Welt exportiert werden. Die Qualität richtet sich nach der Knotenzahl, die von 10.000 - 250.000 Knoten pro qm bis zu 500.000 Knoten bei Seidenteppichen betragen kann. Das staatliche Büro für das Artisanat (ONAT) prüft jeden einzelnen Teppich und versieht ihn mit einem Kontrolletikett, auf dem Qualitätsstufe (Supérieur, Premier Choix usw.) sowie die Knotenzahl vermerkt sind. Die Farben und Muster wurden stark durch die osmanische Herrschaft beeinflusst, richten sich heute aber auch sehr nach dem Geschmack der Touristen.

Geknüpft werden die Teppiche nur von Frauen. In Manufakturen arbeiten junge Mädchen fast 50 Stunden in der Woche für gut 100 Dinar im Monat. Ehefrauen bevorzugen Heimarbeit. Sie kaufen die Wolle bei den zahlreichen kleinen Wollhändlern in der Medina, jede freie Minute wird gearbeitet unter Mithilfe aller weiblichen Familienmitglieder. Montag-, Mittwoch- und Samstagnachmittag ist Teppichversteigerung im kleinen, überdeckten Teppich Souk direkt hinter dem Bir Barouta. Dort haben die Teppichgroßhändler ihre Magazine - vollgestopft mit Waren -, die in der übrigen Zeit verschlossen sind. Hier ist nur das Zwischenlager, von hier wird verkauft an Teppichhäuser, selten an Privatkunden. Vor der Versteigerung werden die Teppiche im ONAT-Büro hinter dem Bab El Jeladin mit dem Qualitätssiegel versehen. Dann zieht eine richtige Karawane von Frauen, jede mit einer Teppichrolle auf dem Kopf, zum Souk.

Die kleine Gasse ist gesäumt von Zuschauern und Interessenten, dazwischen sitzen geruhsam die Großhändler vor ihren Magazinen. Von den Frauen beauftragte Verkäufer laden sich die Teppiche auf ihre Schultern und drehen nun ihre Kreise in der kleinen Gasse, so schnell wie möglich, denn je mehr Teppiche sie verkaufen, um so höher wird die Provision. Hat einer Interesse, wird der Teppich ausgerollt, die Qualität geprüft und der Einstiegspreis um einige Dinar erhöht. Das geht alles rennend und schreiend vor sich, ein wahrhaftes Spektakel, das die Rundreisetouristen noch nicht entdeckt haben. Wird der Preis nicht mehr erhöht, fragt der Träger die Knüpferin, ob sie den Betrag akzeptiert und zahlt ihr dann die Summe abzüglich der Provision aus. Wer einmal in einem Teppichladen hart verhandelt hat, wird erstaunt sein, wie niedrig hier die Preise sind, die Frauen bekommen noch das wenigste für ihre wochenlange Arbeit. Eine ähnliche Versteigerung findet donnerstags in Ksibet el-Mediouni bei Monastir statt.

Geht man vom Bab Jeladin außen nicht die Straße an der Stadtmauer entlang, sondern entgegengesetzt, kommt man zum ONAT-Teppichmuseum in der Avenue Ali Zouaoui. Es handelt sich um keinen Verkaufsladen, sondern um eine Ausstellung alter Teppiche und Haushaltsgeräte in einem schönen, großen Backsteingebäude. Der Eintritt ist frei, geöffnet 8.30 - 13, 15 - 17.35 Uhr.

 
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